Wer gestern mitgelesen hat, wird sich vielleicht gefragt haben: Warum steigt er denn nicht aufs MTB, der Depp? Naja, dieser Vorschlag ist fuer den Laien ebenso naheliegend wie ihn der Experte absurd findet. Wenn ich auf dem schlanken Renner elegant durch die Landschaft gleiten will, die Trittfrequenz konstant hoch, die Nase knapp ueberm Lenker, was soll ich dann auf dem klumpigen, beankaten Mountie, wie ein Depp ueber Stock und Stein und rumpeln und mich auf sich der Senkrechten annaehernden steinigen Pfaden hochquaelen? Wenn ich geil bin auf Geschwindigkeit & Distanz, was mache ich dann mit einem 15er-Schnitt ueber ein paar lumpige Kilometer, die sich doppelt so weit anfuehlen?
Und ausserdem ist da noch die linke Pfote. Eigentlich haelt sie ja brav still, aber beim Knacken eines widerspenstigen Honigglases gestern zB, da spuere ich sie doch noch und nachher auch noch ein Stueckl. Ob ich mir da die fragilen Knochen durchschuetteln lassen soll?
Egal, heute war's soweit, in der Not tut der Teufel nicht nur Fliegen fressen, sondern auch Fully fahren. Also hoch auf den Bock mit dem Stevens, erstaunlich gut in Schuss fuer das vernachlaessigte Vehikel. Einzig Kette oelen, Schaltung justieren (das Schaltwerk haette einen Hauch tiefer gestellt gehoert, aber dazu war ich zu faul), Luft einblasen, Scheibenbremsen kontrollieren und Garmin montieren. Das war's, fertig zum Ausritt. Let's go.
Meine Guete, das fuehlte sich seltsam an. Mit ziemlich hoher Sitzposition, die Arme weit gespreizt auf dem Riser-Lenker, die wulstigen Reifen sirrend und jammernd auf dem ungeliebten Asphalt, und erst das Wippen! Protzte ich beim Kauf noch mit dem genialen SPV-System fuer die Hinterbau-Federung? Die jeden Lockout ueberfluessig macht? Ohje. Aber man gewoehnt sich an alles, auch daran, wieviel Kraft beim Antritt da wirkungslos hinten weggefedert wird, und wie muehsam es ist, so ein klobiges Gefaehrt mal ordentlich auf Touren zu bringen. Und im Gegenwind, einfach Ellbogen auf den Lenker und ducken? Nix da. Frontal gegen den wehenden Dreckssturm ankaempfen heisst es.
Aber dann kam eh schon das Kahlenberger Dorf. Ich musste die linke Hand fast anbinden, weil sie bei jedem Rennradfahrer gruessend zucken wollte, ich konnte mich aber noch beherrschen. Froh war ich trotzdem, als ich auf die Eiserne Hand einbog, weil dort, da kommt kein Rennradler rauf. Asphaltiert ist wohl, aber die - gefuehlsmaessigen - 30% Steigung, da hilft kein 3fach und kein Kompaktkurbelgedoens, da gehoert ein MTB her. Wenn man auf dem ersten kraeftigen Kletterabschnitt aber vergisst aufs Zurueckschalten, so wie ich, dann kommt man in den Genuss, wie es denn waere - puff.
Aber ich hab's dann doch noch geschafft, meine Schweissbaeche vereinten sich mit jenen unzaehliger anderer Helden der noppigen Reifen im nie enden wollenden Fluss hinunter in die Donau. Kein Bein musste ich auf den Boden setzen, keine Pause beim Halbzeitheurigen, wo so viele am Boden liegen und versuchen, die Sterne zu vertreiben, die ihnen vor den Augen tanzen. Und dann ging's endlich ins angestammte Terrain des Bikes, mein Lieblingswaldweg war erreicht, und alles war gut.
Hatte ganz vergessen, wie fein es ist. Den Weg suchen, zwischen Wurzeln und Steinen, Arsch hoch beim Rumpler, zurueckschalten vor der Steigung und rattatat, hinaufschalten, weil es geht wieder hinunter, in die Kurve legen und hoppala, ein Ast auf der Strecke, Huepfhaeschen machen und schon ist man drueber. Volle Aufmerksamkeit, das Adrenalin rauscht und es geht hurtig dahin. Dann hinaus auf die Schotterstrasse und mit 40 hinunter, in die Kurve legen, voooorsichtig bremsen, weil sonst gibt's Rutsch! und dann Patsch! und Schotterausschlag ist auch nicht viel netter als jener vom Asphalt. Und dann erst die anderen! Unvergleichlich! Man nimmt sich ja fest vor, diesmal wirklich nicht alles zu gruessen. Zumindest sollten sie auch als Wurst verkleidet sein, was ja eine gewisse Ernsthaftigkeit und Respekt bezeugt (denkt man). Aber dann johlt einem die T-Shirt- und Baggyshort-Fraktion auch schon aus weiter Ferne so entgegen, da kann man nicht anders. Servas. Servas. Servas. Man muss nur dran denken, zwischen den Gruessen genug Luft zu holen, damit's noch reicht, um den Huegel zu erklimmen. Das ist schon anders, da duerften sich die Ideale der Wandererkameraderie ("Ueber 2000 Meter gibt's ka Sie!") fortgepflanzt haben, und selbst wenn sich wahre Massen durch den Wald waelzen wie an einem 20-Grad-Ostermontag bleibt da noch genuegend Zeit. Wie anders da die Rennradfahrer! Also, wenn man da keine weissen Socken anhat, frage nicht. Nicht gruessen ist da noch das Mindeste.
Aber zumindest einer meiner Vorbehalte erwies sich dann doch als nicht unbegruendet - die Pfote begann langsam zu schmerzen, und der Griff zur Vorderbremse wurde schon fast unangenehm. Also liess ich eine geplante Runde aus und fasste die Sache kurz. Ich ging direkt zu meinem Lieblingsuphill ueber und stampfte den Hermannskogel hinauf. Oh wie gern haette der gehaessige Leser wohl gehabt, dass ich da meine Kamera umgeschnallt gehabt haette, weil es geschah das Schlimme, Hochnotpeinliche: Ich musste einen Fuss auf den Boden setzen! Neben der weiten, bequemen Pensionistenautobahn naemlich fuehrt ein Weg hoch, den sich XC-geile Falotten da durch die unberuehrte Natur gebahnt haben, und den waehlte ich wie immer, aber scheiterte gleich am ziemlich steilen Einstieg. Nachher ging's dann eh, aber oh Schande! Immerhin keine weiteren derartigen Ausrutscher bis zur verdienten Aussichts-Zigarette am Hermannskogel, und auch den Weg zur Jaegerwiese hinunter, bei dem sie unten Steigeisen an die wenigen Aufstiegswilligen verteilen, meisterte ich halbwegs. Ich fahr ja lieber rauf als runter, muss ich sagen, weil da seh ich nicht so weit. Wenn man vor lauter Steil schon fast mit der Nase am Weg kratzt, ist das weniger schlimm, als wenn man, Hintern weit ueberm Hinterrad, angsterstarrte Finger an der Bremse festgeklammert, hinunterschauen muss in die Tiefe. Und so kommt es meistens, dass ich auf solchen Passagen schneller oben bin als unten. Obwohl solche wurzeligen, steinigen Wegerl ja offensichtlich mit Speed gleich viel leichter sind, hat man mir gesagt. Entschuldigung, aber wenn ich 30 cm (jaja...) droppe, dann hab ich mein Rad lieber unter Kontrolle, soweit das halt geht.
Es gibt dann noch so eine arge Trial-Passage abseits der markierten Pfade, die waehlte ich natuerlich auch, aber da kam es dann zu meiner endgueltigen Niederlage, weil ich stieg ab und schob ein Stueck hinunter. So steil hatte ich das wirklich nicht in Erinnerung - und ich konnte nicht garantieren, dass ich das unten lustwandelnde Paerchen nicht samt und sonders ueber den Haufen gefahren haette, wenn ich da runtergeheizt waere. Und dann fand ich noch einen gebahnten Weg, Holzarbeiter sei Dank gab es da eine neue Passage durch vorher unzugaengliche Teile des Waldes. Auch spassig, mit sehr vielen Wurzeln und herumliegendem Geaest. Hui, das ging ab.
Einzig die Abfahrt beim Heiligenstaedter Friedhof war dann unlustig, weil tausend Wandersleut mit Hund, Kinderwagen und so. Die Bio-Airzound (Hup! Bimbim! Achtung! Danke...) war in Dauerbetaetigung. Und dann war ich nach 30 km und knapp 800 hm auch schon wieder unten und daheim:
http://trail.motionbased.com/trail/activity/2437082
Lustig war's, gar kein Vergleich zum Rennradln. Das sind wirklich 2 verschiedene Paar Schuhe, und nicht nur das. Auch die Socken unterscheiden sich eindeutig, sie duerfen zB bunt sein.