Das Rad als Fortbewegungsmittel im Alltag, so hat bei mir die Misere ueberhaupt erst angefangen. Gerade in der Grossstadt gibt es kaum eine bessere Art, wie man seine taeglichen Wege erledigen kann. Vor allem, wenn die Strecken meist so kurz und knackig sind wie meine.
Es ist eine gute Moeglichkeit, um ein paar Kalorien zu verbrennen jeden Tag und etwas in Form zu bleiben, und das ohne Extra-Aufwand. Die Leute stapfen ins Fitnessstudio oder gehen Laufen, bei mir ist der Sport schon zu einem gewissen Anteil in den Alltag integriert. Mindestens ein Mal am Tag den Puls ordentlich hochjagen ist ja angeblich gesund. So lang man dabei nicht dauernd auf die Nase faellt,
wie ich.
Material
Seit Maerz 2006 bin ich mit einem Rennrad unterwegs, das ich gebraucht recht billig erstanden habe. Mit der Tiagra-Ausstattung und Alurahmen (inklusive Alugabel) ist es zwar nicht das leichteste aller Zweiraeder, aber fuer die Stadt reicht es. Und wenn's wer fladert, umso besser, kauf ich mir ein neues, besseres!
Vorteile sind natuerlich: Dynamischeres Fahren, bessere Beschleunigung bei Kreuzungen, hoehere Geschwindigkeit, vor allem im Berufsverkehr fliesst man richtig gut mit. Durch den knappen Radstand ist man auch wendig beim Navigieren durch die Kolonnen.
Die Nachteile liegen ebenso auf der Hand: Weder Kotfluegel (die optisch ueberhaupt nicht passen) noch Gepaecktraeger (Einkaeufe muessen auf den Ruecken). Strassenbahnschienen erfordern viel Feingefuehl beim Queren, da die 23mm-Reifen wunderbar in die Rillen passen.
Kleidung
Da ich das Rennrad auch fuer sportliche Ausfahrten benutze, sind SPD-Pedale drauf. Das schraenkt die Auswahl an Schuhen sehr stark ein - ich fahre MTB-Schuhe, die nicht ganz so extrem aussehen wie echte Rennradl-Schuhe. Aber stylisch & elegant ist halt was anderes. Die schnellere Beschleunigung bei Ampeln ist mir das aber mehr als wert.
Ebenso die fehlenden Kotfluegel - bei nasser Strasse (auch wenn es gar nicht mehr regnet) braucht es die Plastik-Ueberhose, ansonsten gibt's feuchten Hosenboden, eher unangenehm im Alltag.
Am wenigsten stoert die Gebaecktraegerlosigkeit: Salzstangerl & Semmeln passen genug in meine huebsche, neue Chrome-Bag, die stylisch ueber der linken Schulter haengt und Buegelschloss sowie Ruecklicht traegt.
Natuerlich muss man fuers (sportliche) Radfahren Kompromisse bei der Kleidung eingehen, die die wenigsten Leute zu machen bereit sind. Trekking-Hosen aus dem Sportgeschaeft sind besser als Jeans, und statt dem eleganten Sakko trage ich in Winter und Uebergangszeit eine Windstopper-Jacke. Mich stoert das gar nicht, ganz im Gegenteil - durch die funktionelle Kleidung (die im uebrigen alles andere als billig ist!) mache ich ein Statement, das mich zwar vielleicht nicht als Traummann fuer Hofratstoechter qualifiziert, aber mir ganz gut gefaellt.
Wind & Wetter fordern Spezialkleidung: Ueberschuhe, Schirmkappen, Regenhosen, Handschuhe - kostet Geld & Zeit fuer An- und Ausziehen, Pflege und Wartung. Aber besser als U-Bahn-Fahren bei jedem feuchten Tropfen.
Im Verkehr
Halt: Muss man Kompromisse eingehen? Viele Leute fahren mit normaler Alltagskleidung, und die wenigsten gar mit Spezialpedalen. Bin ich ja auch lang genug, als ich noch mit dem Bergrad unterwegs war.
Aber seit ich mit dem Rennrad die Moeglichkeit habe, richtig mitzuschwimmen, bin ich direkt begeistert, wie angenehm es im Verkehr sein kann. Fahrten ueber Guertel und anderen 3spurigen Hochgeschwindigkeitsstrecken wie der Hoerlgasse haben viel vom frueheren Schrecken verloren. Dafuer graut es mir vor Radwegen mit den Schlagloechern, unerwarteten Hindernissen und schlechter, kurviger Streckenfuehrung.
Seit ich die Erleuchtung hatte, dass es etwas unlogisch ist, sich staendig ueber Verkehrsregelmissachtende Autofahrer zu beschweren, waehrend man selbst ohne Licht bei Rot ueber die Ampel heizt, bin ich etwas braver geworden: Rote Ampeln werden ueblicherweise beachtet, auch wenn weit und breit kein Querverkehr in Sicht ist. Gehsteige sind baeh, schon alleine, weil man eh so langsam fahren muss. Und zumindest ein paar blinkende LEDs vorn und hinten reichen den Kieberern aus, die froh sind, wenn ueberhaupt was leuchtet am Radler. Ganz zu schweigen davon, dass sie die Ueberlebenschancen etwas steigern.
Die Einbahnregel missachte ich zwar noch taeglich - aber man kann ja nicht alles haben.
Die Konsequenz ist, dass ich mich als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer fuehle, und sehr selbstbewusst auftrete. Ich habe ueberhaupt kein Problem damit, in der Mitte der Fahrspur zu fahren, wenn rechts parkende Autos mit Tueraufreiss- und Fussgaenger-Ausspuck-Gefahr sind. Oder zwischen den Bimgleisen. Diejenigen, die mich hier unbedingt weghupen & ueberholen muessen, sehe ich zu 90% bei der naechsten Ampel wieder. Tatsaechlich fuehlen sich manche Autler provoziert durch dieses Verhalten, kommt mir vor, ich wurde sogar schon aus dem offenen Fenster beschimpft. Ich gebe aber auch ordentlich zurueck, wenn jemand meine Geschwindigkeit zB unterschaetzt und meint, noch vor mir abbiegen zu koennen, also ist das schon OK, so.
Darum bin ich auch bei Strassen wie der Operngasse bevorzugt auf dem Fahrstreifen unterwegs und meide die Radwege. Eigentlich illegal - aber ich habe nicht das Gefuehl, dass ich dort ein grossartiges Hindernis darstelle. Wie gesagt, see you at the next red light.
Am Wichtigste scheint mir: Als Radfahrer bist du genauso Verkehr wie als Autler. Das schafft einige Verpflichtungen (vor allem: Vorhersehbares Verhalten!), aber auch einige Rechte. Das zaghafte, aengstliche Herumwackeln der meisten Alltagsradler scheint mir eher kontraproduktiv zu sein.